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Eltern und Kinder...

Eine Gratwanderung zwischen den Bedürfnissen nach Autonomie, Verbundenheit und Wertschätzung.

Je jünger die Kinder sind, desto mehr sind sie auf den Schutz ihrer Mutter/Eltern angewiesen. Neben dem Wissen, das sie instinktiv besitzen, lernen sie, wie sie sich verhalten müssen, um so lange wie möglich zu über-leben. Deswegen orientieren sie sich an ihrer Mutter und suchen ihre Nähe, wenn sie Schutz brauchen. Gleichzeitig treibt sie ihre Neugier, also ihr Entdecker-Geist dazu, die Welt zu erkunden. Sie gehen ihrer eigenen Wege. Die Mutter lässt es zu. Und instinktiv wissen die Kinder, wann sie ihre eigenen Wege wieder verlassen und den Schutz ihrer Mutter aufsuchen müssen. Die Bedürfnisse nach Verbundenheit/Sicherheit und Autonomie sind ausgewogen.

Warum fällt es uns Menschen oft schwer, die Kinder gehen zu lassen, sie sogar ihre eigenen Fehler machen zu lassen? Warum haben Eltern oft ein starkes Bedürfnis, ihren Kindern vermeintlich Schweres abzunehmen und ihnen damit das Lernen aus Erfahrung vorzuenthalten? Warum greifen Eltern ein, wenn sich die Kinder selbst wehren und auch Konflikte auf ihre ganz eigene Weise lösen könnten? Warum fällt es Eltern schwer, Grenzen zu ziehen und ihren Kindern ein Nein zuzumuten?

Bei der Antwort auf diese Fragen dürfen wir zwei Aspekte unterscheiden. Einerseits haben wir einen natürlichen Drang, unsere Kinder zu beschützen und alles dafür zu tun, dass sie sich zu ihrem vollen Potential entwickeln können. Andererseits treibt uns die Sorge, dass unsere Kinder Leid erfahren könnten. Diese Aspekte drücken sich in polaren Grundeinstellungen aus: Vertrauen und Kontrolle. Je größer das Vertrauen ist, das Eltern in das Leben sowie die Kompetenzen und die Widerstandskraft ihrer Kinder haben, desto mehr können sie ihre Kinder loslassen. Je größer die Sorge und die Angst, desto mehr Kontrolle üben die Eltern aus und desto mehr nehmen sie ihren Kindern ab. Dadurch beschränken Eltern jedoch den autonomen Erfahrungs- und Entwicklungsraum ihrer Kinder. Zudem geben sie ihnen subtil die Botschaft mit, dass sie ihnen nicht alles zutrauen.

Wie könnte eine gesunde Mischung aus Vertrauen und angemessener Sorge aussehen? Und wovon hängt diese Mischung ab?

Auch hier sind unterschiedliche Aspekte wirksam. Auf der einen Seite die individuelle Persönlichkeit der Eltern und auf der anderen Seite die Bereitschaft, die eigene Persönlichkeit zu reflektieren und sich ggfs weiterzuentwickeln. Schwierig wird es, wenn Eltern ihre Werte/Lebenseinstellungen/Eigenschaften ungeprüft auf ihre Kinder übertragen. Darüberhinaus ist es oft so, dass unbewusste Ängste der Eltern automatisch auf die eigenen Kinder übergehen. Eltern übertragen damit ihre eigenen ungelösten Themen auf die Kinder.

Das bedeutet, dass es grundsätzlich das Beste für Kinder wäre, wenn die Eltern ihre eigenen Themen anschauen und sich somit selbst entwickeln wollen. In der Umsetzung hieße das, dass alle (nicht nur Eltern) bereit sein sollten zu prüfen, was sie belastet, was sie ängstlich macht, was ihnen Sorgen bereitet, und ob diese Sorgen wirklich berechtigt sind. Oft hängt das gesamte Lebensglück der Eltern davon ab, dass die Kinder einen bestimmten Weg gehen, erfolgreich sind und hoffentlich niemals Leid erfahren werden. Natürlich entstehen solche Erwartungen daraus, dass Eltern früher selbst nicht ihren eigenen Weg gehen konnten, selbst leidvolle Erfahrungen gemacht haben, usw. Und oft ist es so, dass Eltern ihren Selbstwert von der Entwicklung ihrer Kinder abhängig machen.

Ungelöste Selbstwertthemen drücken sich gerne dadurch aus, dass es Eltern schwer fällt, Grenzen zu ziehen. Sie denken, dass es ein Ausdruck der Liebe sei, den Kindern alles zu geben oder auch an Herausforderungen abzunehmen.

Was hier gänzlich fehlt ist die Bereitschaft zu prüfen, ob es denn ein Ausdruck von Liebe ist, keine Grenzen zu ziehen. Denn Grenzen können auch Sicherheit bedeuten. Grenzen sind ein Rahmen, an dem sich Kinder orientieren und lernen können.

Oft ist es so, dass Eltern sich nicht trauen, sich mit allem zu zeigen, was sie selbst ausmacht. Dazu würde gehören, sich den eigenen Kindern ganz zuzumuten. Mit jedem NEIN, mit jeder Schwäche, mit jeder Sorge, mit jedem Wunsch, mit jeder Abneigung, mit jedem Gefühl, mit dem ganzen Sein eben. Daraus lernen Kinder am meisten, weil sie dann Kompetenzen entwickeln können. Kompetenzen, die daraus entstehen, dass sie aus unterschiedlichen Bedürfnissen gemeinsame Lösungen entwickeln lernen. Dass sie erfahren, dass Menschen unterschiedlich sind und ihre Bedürfnisse und Grenzen kommunizieren können und dürfen. Dass sie einen Erfahrungsraum, bestenfalls im geschützten Rahmen, haben, in dem sie all das üben können. Kinder lernen mit Eltern, die ihre eigenen Themen kennen und bereit sind, sich selbst zu reflektieren. Dadurch lernen Kinder, Verantwortung zu tragen für sich selbst und damit für das Leben.

Auch wenn es nicht gerne zugegeben wird, haben Eltern oft Angst, von ihren Kindern nicht geliebt zu werden. Und letztendlich richten sie all ihr Verhalten danach aus, von den Kindern das Gefühl vermittelt zu bekommen, liebenswert zu sein. Aus systemischer Sicht ist es jedoch nicht die Aufgabe der Kinder, ihre Eltern zu lieben. Liebe wird weitergegeben von Generation zu Generation, von Eltern zu Kindern, von den Kindern später zu ihren Kindern. Kinder lieben ihre Eltern sowieso, und je ehrlicher, authentischer und kongruenter die Eltern sind, desto mehr und reiner kann die Liebe fließen; und desto mehr können die Eltern selbst die Liebe wahrnehmen, die ohnehin da ist.

Und wieder wird deutlich, dass es der eigenen Selbst-Aufmerksamkeit bedarf, wenn man gute Beziehungen pflegen möchte, nicht nur zu den eigenen Kindern. Wenn man seine schwachen Punkte kennt, lässt man diese nicht an anderen aus. Wenn man seine Bedürfnisse sowie seine Grenzen kennt und sie zu akzeptieren gelernt hat, kann man sie seinen Mitmenschen mitteilen und ggfs. gemeinsame Lösungen entwickeln.

Wenn man sich selbst kennen- und lieben gelernt hat, ist man nicht mehr abhängig von der vermeintlichen Liebe anderer. Man ist sich der Liebe bewusst, die immer da ist und niemals von irgendetwas abhängt. Und so ist eine gesunde Mischung aus Verbundenheit, Autonomie sowie Selbstwertschätzung wie von selbst vorhanden. Man weiß um seine Kompetenzen, weil man sich verbunden fühlt mit sich selbst und so unabhängig ist von irgendeiner vermeintlichen Gegenleistung anderer. Man lernt aus Fehlern, ohne vor ihnen Angst zu haben. Man hat Vertrauen in das Leben. Man geht seinen Weg.

Und wie schön wäre es, wenn Eltern ihren Kindern dieses Vertrauen mit auf den Weg geben könnten, oder?



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